Andromedas Schwester

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Warum Maria Maria heißen mochte, war für Bjoerc niemals von Bedeutung gewesen; auch wenn er spürte, daß Marias Eltern ein bestimmtes Ziel mit der Namensgebung verfolgt hatten, und ohne wirklich über den Zusammenhang über beabsichtigte Entsexualisierung eines natürlichen Prozesses und keusch-verklemmt wirkendes Verhalten von Maria nachzudenken, fühlte Bjoerc die Gegenwart einer Andromeda heraus, die mit vierzehn Jahren ihre Schönheit entfaltete und gleichzeitig zwanghaft versteckte.

Bjoerc hatte sie immer mit geschlossenen Pullovern gesehen, kein gewisses Etwas, was er gerne zwischendurch bei anderen Mädchen während der Nachhilfe erspähen wollte oder durfte, gab es in Marias Gegenwart zu entdecken, nicht einmal ihr Halsansatz oder die Gelenke ihrer Hände waren frei. Allein, wenn sie die Wohnungstür öffnete, fühlte Bjoerc ein Wesen, das irgendwie Maria war und wiederum auch nicht; ihm erschien es, als ob er durch ihren Körper hindurchgreifen konnte. Auch die Umgebung hatte etwas an sich, daß ihn eher an ein Krankenhaus erinnerte als an eine Wohnung, in der ein junges weibliches Wesen lebte, doch in den Erzählungen war ihm keine Krankheit offenbart worden, so daß er die Situation akzeptieren mußte, um überhaupt mit Maria arbeiten zu können.

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Rollentausch

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Bjoerc hatte am 13. Januar seinen Wecker auf eine Stunde früher als üblich eingestellt, denn er hatte eine Überraschung für den Monsterclub der Gorgonauten vorbereitet. Seit geraumer Zeit war das Fahrstuhlfahren im neuen Anbau für Schüler verboten. Da Bjoerc einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn hatte, verfügte er über die Einführung des gleichen Unrechts für Alle, bastelte vier Schilder, die mitteilten, daß der Fahrstuhl außer Betrieb sei und freute sich nach zehn Jahren wieder auf die Schule, um einen Streich durchzuführen, der in die Altersklasse der zwölf oder dreizehnjährigen gepasst hätte.

Die Durchführung der Aktion widerspiegelte Bjoercs Leben; er war seit der neunten Klasse zum Einzelgänger geworden, nachdem zwei eifersüchtige Mitschüler auf die Idee gekommen waren, ihm öffentlich Klassenkeile zu verabreichen. Die Schilder hatte er rasch an den Fahrstuhltüren angebracht, den Fahrstuhl im obersten Stockwerk festgesetzt und erfreute sich an den Verhaltensweisen der Gorgonauten, die recht unterschiedlich ausfielen, vom schnellen Begreifen bis zum Ignorieren des Schildes, was dann wiederum zu verunsichertem Kopfschütteln einer Gorgonautin führte. Obwohl Bjoerc seinen Spaß hatte, war er traurig, daß er alleiniger Nutznießer des Streichs war.

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Zwei Wirklichkeiten?

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Nein, daß wäre mir viel zu einfach; und ehrlich gesagt, hat mir mein Leben erzählt, daß es immer viele Möglichkeiten gibt – Ebenen der Möglichkeiten und Perspektiven von Lösungswegen und Visionen.

Das Leben auf Mutter Erde und Vater Himmel ist die Grundlage für meine erste Wirklichkeit, das gesellschaftliche Umgehen mit dem Leben die zweite, mein Leben die dritte, mein Erkennen von Wirklichkeiten die vierte, die Kommunikation mit spirituellen Dimensionen die fünfte, das Erleben von Drogen und Rausch – oder Trance – die sechste und das sexuelle Leben die siebte Wirklichkeit.

Ich glaube, ich könnte meine Sichtweise von Wirklichkeiten immer erweitern, wenn es für mein Lebensgefühl wichtig ist.

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Woodcut with caption

1888

Camille Flammarion

CommonSense – Wikipedia

Die Psychonautin

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Als am 8. Januar 1972 die Weihnachtsferien nach fast drei Wochen endeten, war Janneke immer noch nicht entschlossen, sich für oder gegen LSD zu entscheiden. Janneke, die aussah wie eine Tochter von John Lennon und Yoko Ono – und sich auch so kleidete -, fühlte sich wie eine junge Göttin, die am liebsten mit vielen Freunden in einem Schloß wohnen würde. Die Schule hatte seit ein paar Tagen wieder begonnen, und parallel zu ihren eigenen Wünschen und Fragen mußte sie ein Drogenreferat vorbereiten.

Am Morgen des 13. Januars wachte sie recht früh auf, zündete vier dunkelrote Kerzen an und meditierte im Bademantel vor einem großen goldumfaßten Spiegel. Mittlerweile hatte sie schon recht viel über LSD in Erfahrung gebracht; Janneke wußte um das Wesentliche Bescheid, weitaus mehr als ihre Mitschüler und wahrscheinlich war sie eine Expertin auf diesem Gebiet, rein theoretisch, auch wenn sie noch Schülerin der zehnten Klasse war. Wenn sie sich für einen Trip entscheiden würde, so sollte es an einem ruhigen abgeschiedenen Ort ohne Motorengeräusch sein, sie wollte sich nicht von Autos, Mofas oder Motorrädern stören lassen, erst recht nicht von dem Lärm der Kriegerkaste auf dem nahegelegenen Flugplatz.

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Sanfte Unruhe

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Ein neuer Schreibzyklus – Andros Maulwurf - hat vor einer Woche begonnen; das Thema scheint seit ein paar Jahren wiederzukehren und nimmt immer wieder neue Formen an. Im Herzen das Herzensthema, lieben zu können, erreichen zu wollen, kommunizieren ermöglichen und erfreuen zu wollen – über die Schatten des Faktischen in das Licht des Unfassbaren hinein.

Dädalus, der Künstler, sich seelisch unsterblich ahnend, jedoch als Mensch um das Einfache wissend, bei jedem Thema wieder um sich ringend, nicht wissend, was kreiert werden will, nicht wissend, ob die schöpferischen Kräfte das Neue erschaffen wollen – und können. Sich selbst überraschend? Wohl weniger, doch auch. Eher sich dem Inneren hingebend, dem Thema intuitiv auf der Spur, verbunden sein mit Seelenfreunden, und offen für Lösungen, für den Weg, für das Fragende, für das Erkennende, für die Dankbarkeit – und dann die Wohltat auf dem Heiligen Berg der indianischen Freunde, den neuen Rundblick genießend, wenn das Werk in Form geschrieben sein wird.

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Kreatives Erinnern

Sich zu erinnern, rein fragmentarisch – das habe ich in den vergangenen Jahren gespürt – ist immer von tiefer Bedeutung gewesen, ohne daß ich jedoch den Mut hatte, die eigene Vergangenheit näher anzuschauen – öffentlich.

Die eigene Vergangenheit, damit meine ich meine erste Liebesgeschichte im zärtlichen und im romantischen Sinn, natürlich auch sexuell, verbunden mit den Lebensbedingungen, die die Liebenden gemeinsam in der Schule erlebten oder getrennt im jeweiligen Elternhaus.

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Schattenleben

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Bevor das Licht den Westen erreichte

Ward Eurydike geschändet

War ein Kind noch

Prokrustes ihr Vater

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Sie war zu klein für sein Bett

So streckte er sie

Und spreizte ihre Beine

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In der Stunde der Dämmerung

Lebte sie ohne Hände

Dunkle Welt eines Bauernhofes.

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Im Garten des Prokrustes

2012

Burcado Nowak

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Original:

Jardin des Tuileries in the rain

Photograph: Deror avi

CommonSense – Wikipedia

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Die Rache des Gorgonauten

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Januar 1972. In einem Hallenbad, in der Nähe ein kaiserlicher Hafen. Perseus, der den Namen Bjoerc angenommen hat, beobachtet einen elfjährigen Jungen, der am Rande eines Schwimmbeckens sitzt, jedoch sich nicht traut, etwas zu tun, was der alte Gorgonaut von ihm verlangt. Das Wasser ist drei Meter tief, die Gefühle des Jungen sind aufgewühlt, erschrocken, ängstlich und traurig zugleich, er zieht die Arme um seine Knie, bibbert, weiß nicht, warum er gezwungen wird, etwas gegen seinen Willen zu tun und flieht in eine Traumwelt.

Bjoerc konnte sich gut in den Jungen hineinversetzen, und erinnerte sich an den Tag, als er angefangen hatte, bei dem alten Gorgonauten Schwimmunterricht zu nehmen. Der alte Haudegen war geduldig mit ihm, wenn es sich nicht gerade um Bodenturnen oder Übungen am Reck handelte. Focke Hinrichs, so der Name des Sportlehrers, hatte sich trotz seiner Härte etwas Menschliches bewahrt, und im Hallenbad erschien es Bjoerc, als ob ihn die Atmosphäre erfrischen würde, spielerische Lösungen zu finden, wohlwissend, daß die Schüler freiwillig an der Arbeitsgemeinschaft teilnahmen. Vor ein paar Jahren befand sich Bjoerc in der gleichen Situation wie der Junge, der sich an diesem Tag verweigerte, jedenfalls noch. Focke Hinrichs versprach ihm damals eine Tafel Schokolade, wenn er springen würde. Sie waren für kurze Zeit in ein Miteinander gekommen, fern der grauen Turnhalle, die Bjoerc immer noch als schrecklich empfand.

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Andros Maulwurf

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Ein Maulwurf zu sein, jemand, der im Erdreich lebt, im Untergrund, jemand, der selten gesehen wird und dennoch sichtbare Spuren hinterläßt, jemand zu sein, der sein eigenes Leben lebt, genauer, sein eigenes Leben leben möchte; mehr geschützt als verfolgt, das war das Leben meiner Ahnen, meiner Urahnen – vielleicht, oder auch, um mit realistischen Worten der Wahrheit nahe zu kommen, meine idealisierte Vorstellung eines glücklichen Maulwurflebens, wie ich es gerne hätte, unter Umständen, die mich dazu führten, eine Geschichte zu erzählen, eigentlich eine Liebesgeschichte – eine romantische, die vom lustvollen Verschmelzen zweier Menschen berichten könnte, gäbe es nicht gewisse Widrigkeiten, genau jene, die es mir ratsam erschienen ließen, die Nähe von Mutter Erde für immer zu suchen, komme, was da kommen wolle.

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